Was uns bewegt

Bau keinen Grenzzaun um Dein Herz

24 Feb , 2016  

Flüchtlinge in Deutschland – das Thema scheint im Moment überall präsent zu sein, zumindest was die Medien betrifft. Wenn ich interessiert die aktuelle Berichterstattung verfolge, schwankt meine Gefühlslage zwischen Ohnmacht, Entsetzen und Begeisterung. Die Not der Menschen wühlt mich auf, geht mir nach. Manchmal würde ich am liebsten die Bilder, Geschichten, Schicksale wie meinen Fernseher abschalten, den Kopf in den Sand stecken und in meine heile deutsche Wohlstandsbürgerwelt abtauchen.

 

Ohnmacht

Die Flüchtlingsflut erschlägt mich und eine gewisse Ohnmacht und Hilflosigkeit will sich breitmachen, weil auch ich keine schnellen perfekten Antworten und Lösungen bieten kann. Ich bin herausgefordert, nicht wegzuschauen sondern mich betreffen zu lassen von den zigtausenden, teils verzweifelten Hilfesuchenden, die in unser Land strömen. Die Versuchung liegt nahe, dieses Geschehen einfach auszublenden, an mir abprallen zu lassen und zu hoffen, dass die Politik es irgendwie schon richten wird.

 

Entsetzen

Ich bin erschüttert, wie diese herausfordernde Situation, in der wir uns zweifelsohne befinden, missbraucht wird, um Ängste zu schüren, politisches Kapital aus der Notlage von Menschen zu schlagen oder skrupellose Geschäfte mit verzweifelten Menschen zu machen. Ich bin erschüttert, wie Schreckensszenarien an die Wand gemalt werden. Die Angst vor Unterwanderung, Islamisierung und Terror wird geschürt und viele leichtgläubige Menschen laufen hinter nationalistischen Rattenfängern her. Auch viele Christen sind willkommene, gutgläubige Opfer, die unbedacht und ungeprüft menschenfeindliche Parolen nachplappern oder selbst verbreiten. Ein Blick in die sozialen Medien genügt, um sich davon zu überzeugen.

 

Begeisterung

Begeistert und ermutigt bin ich über die vielen hilfsbereiten Menschen in Deutschland, die sich aufmachen und versuchen ihren Teil zu tun, damit diese Flüchtlingsströme nicht nur bewältigt werden, sondern die Menschen echte Hilfe erfahren. Dieses, meist ehrenamtliche Engagement, hätte ich, ehrlich gesagt, nicht in diesem Maße erwartet und es macht mich stolz, ein Bürger dieses Landes zu ein. Ermutigt bin ich auch durch manchen Politiker, der/die positiv auf diese Herausforderung reagiert und nicht aus Angst vor fallenden Politbarometern seine/ihre Entscheidungen trifft.

 

Integration

Die größte Herausforderung liegt zweifelsohne noch vor uns: Viele dieser Menschen werden voraussichtlich auch längerfristig nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Es geht also um Integration. Diese kann die Politik nur bedingt leisten. Sie kann nur einen Rahmen dafür schaffen. Es geht also um Dich und mich! Wir sind herausgefordert, Beziehung zu schaffen und Werte und Kultur zu vermitteln. Dies beginnt mit Kontakt und Beziehung. Wer keine Beziehungen hat, wird isoliert. So entstehen mit den Jahren Subkulturen, die sich dann oft zu Problemzonen entwickeln.

 

Angst vor dem Fremden

Kontakt suchen und finden ist aber für viele von uns nicht einfach: Die Angst vor dem „Fremdartigen“ steckt in jedem von uns und hindert uns daran: fremde, ungewohnte Sitten, Kleidung, Lautstärke in der Kommunikation, unverständliche Gesten und viele andere ungewohnte kleine und große Andersartigkeiten. Sie machen es einem nicht gerade leicht, die ersten Kontakte zu knüpfen. Und die größte Hürde oft für beide Seiten: Die Sprache! „Gott hat uns nicht einen Geist der Feigheit (Furcht, Mutlosigkeit) gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2.Tim 1,7). Lass dir keine Angst machen! Denn die Angst vor dem „Fremdartigen“ entwickelt sich in uns sehr schnell zur Angst vor „DEM FREMDEN“! Entdecke vielmehr das „Fremdartige“ als Ergänzung und Bereicherung für dein eigenes Leben. Es braucht mutige Menschen, die nicht nur von der Not innerlich bewegt sind, sondern sich auch bewegen lassen mit zu helfen, um diese Herausforderung zu meistern. Es braucht zunehmend Mut, sich in unserer Gesellschaft zu diesen Menschen in Not zu stellen!

 

Verstecke nicht Dein Herz

Lass es zu, dass dein Herz erreicht, berührt, getroffen wird! Die größten Zäune und Mauern gegenüber Flüchtlingen stehen nicht in Ungarn, sondern um manche Herzen. Bau keinen Zaun um dein Herz! „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott“ (3. Mose 19,34). Durch die Abschottung meines Herzens gefriert die Liebe! „Flucht – was hat das mit uns zu tun?“ fragen sich viele. „Mir geht es gut und ich will mir meinen Wohlstand von niemand nehmen lassen.“ „Sollen die doch sehen, wie sie zurechtkommen. Ich kann doch nichts dafür, dass es diesen schlecht geht.“ Solche Sätze höre ich immer wieder. Können wir wirklich NICHTS dafür? Hier ist nicht der Platz ausführlich darauf einzugehen. Aber ernten wir nicht im Moment die Frucht jahrzehntelanger Ausbeutung der Länder Afrikas, egoistischer Handels- und Subventionspolitik, die viele in die Armut getrieben hat, unserer Ölkriege und vermeintlichen Antiterroreinsätzen in der arabischen Welt, die viel zur Radikalisierung beigetragen haben, unserer Waffenexporte, usw. ?

 

Unangenehme Flüchtlinge

Ich muss mich bei den vielen Zahlen immer wieder daran erinnern: Es geht um Menschen! Menschen wie du und ich! Wirklich wie du und ich? Nein, das stimmt nicht ganz. Denn ich habe Arbeit, Geld, ein Dach über dem Kopf, ein Umfeld, wo ich willkommen bin, ich kann mir überlegen, was ich essen will und einkaufen, ich bin mobil und kann reisen wohin ich will, habe Urlaub. Muss ich daher ein schlechtes Gewissen haben? Keineswegs! Aber ich werde von Jesus aufgefordert, dankbar die nicht zu vergessen, die nicht dieses Privileg haben. Wenn ich ehrlich bin: Die Flüchtlinge sind mir unangenehm. Sie stören mein wohl geordnetes Leben. Ich bin gefordert, den Anderen zu sehen, nicht nur mich selbst. Ich bekomme aber auch die Chance, Jesus im Notleidenden zu begegnen. Die vordergründige Herausforderung sind zwar die Flüchtlingsströme, aber letztlich steht die Herausforderung im Raum, ob wir bereit werden zu teilen und großzügig zu sein. Großzügigkeit aus Liebe heraus ist ein zentraler Wesenszug Gottes, wie ihn uns die Bibel beschreibt.

 

Was kann ich schon ändern?

Zum Schluss mag sich mancher fragen: Was kann ich schon verändern? Es gibt eine Geschichte im Neuen Testament, die uns im nehemia team schon lange begleitet: Die „Speisung der 5000“. Ein unmögliches Unterfangen für zwölf müde und hungrige junge Männer, die selbst gerade genug für sich hatten. Vielleicht genauso unmöglich, wie sich für viele von uns das gegenwärtige Flüchtlingsproblem darstellt. Was sagt Jesus seinen Jüngern in dieser Situation? Schick die Leute weg, wir schaffen das nicht? NEIN! Es berührt sein Herz und er hatte Mitleid. So wendet er sich an seine Jünger: „Gebt ihr ihnen zu essen“. Und danach: „Seht nach, was ihr habt“! Natürlich war es nicht genug! Und hier liegt auch unsere Herausforderung: Sind wir bereit, das Wenige zu investieren, in dem Bewusstsein, dass es nicht genug ist? Stellen wir das Wenige was wir haben (etwas Zeit, Geld, Platz in der Wohnung, Freundschaft, Hilfe, Kleidung, Freizeit, usw.) Jesus zur Verfügung – auch für die Flüchtlinge? Wenn ja, werden wir das Wunder erleben, dass der Not der Massen begegnet wird. Und es blieb am Ende mehr als genug für den persönlichen Bedarf der Jünger übrig! Wenn jeder in seinen begrenzten Möglichkeiten handelt und hilft, werden wir gemeinsam die gesellschaftlichen Unmöglichkeiten überwinden!

 

Ich will …..

Ja, ich bin stolz und ermutigt zu sehen, wie viele Menschen in unserem Land sich ein Herz fassen und handeln. Da will ich dabei sein und nicht angstgesteuert Horrorszenarien entwickeln und zusehen, wie Bewegungen im Lande erstarken, die menschenverachtend, rassistisch und lieblos dumme Parolen propagieren. Ich will lernen auf Flüchtlinge zuzugehen, Gutes zu tun, mit ihnen zu teilen. Ich will beten für die Politiker, Verwaltungen und Medien. Ich will Freundschaften suchen zu Flüchtlingen. Ich will ihnen die Hand geben, sie anlachen, sie grüßen, wenn sie mir begegnen. Ich will ihnen erklären wie Deutschland „funktioniert“, damit sie sich besser zurechtfinden und wir mit ihnen besser zurechtkommen. Ja, ich will meine persönlichen Fähigkeiten einbringen und wir als nehemia team wollen unser Möglichstes tun, damit das Wunder der Integration dieser Massen möglich wird! Wir freuen uns über jeden, der uns dabei behilflich ist.

Hans Heidelberger

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